Wiedersehen nach 67 Jahren - Unsere Theodor-Herzl-Schule in Berlin (1920 - 1938)

Wir - damals und heute

Herzl-Schule-1930 Junge Menschen, Schüler, die flüchten, die eine Heimat verlassen müssen, die dem Tod entkommen, die ein junges Leben fortführen wollen - das waren wir damals. Mittlerweile Menschen im hohen Alter, die erinnern, die ihre alte veränderte Heimat besuchen, die sich vielleicht nach 67 Jahren erstmals wieder gegenüberstehen - das sind wir. Das möchten wir, die 35 ehemaligen Herzl-Schüler und Herzl-Schülerinnen, festhalten, dokumentieren. Das möchten wir der Nachwelt übergeben. Wir haben uns vor die Mikrofone gesetzt und begannen uns zu erzählen, wir wurden von einer Kamera eine Woche begleitet und fanden unsere Erinnerungen festgehalten.

Sechsundzwanzig Lebensgeschichten von uns für die Nachwelt, die wir auf allen Kontinenten verstreut wohnen und Familien haben. Manche von uns trafen sich im Juni 1996 in Israel zu einem Wiedersehen, manche erst im Oktober 2006, in der Stadt, wo sich unsere Schule befand. Ihr könnt uns hören, ihr könnt uns sehen. Die hier vorgestellten Ton- und Bilddokumente soll uns euch näher bringen, als gedruckte Worte es schaffen. Wir denken, daß es gelungen ist. Wir denken, daß alles gut gelungen ist - alles Gedruckte, Aufgenommene, Gefilmte. Alles, was uns in Erinnerung hält. (Text: Martin Wünsch)

Unser Treffen im Oktober 2006


Adin Talbar (1921-2013) An dieser Stelle sollte noch ein langer Text entstehen. Leider ist mein lieber Freund und Organisator des Treffens Adin Talbar im Alter von 92 Jahren am 6. September 2013 verstorben. Über Adin gibt es unter ↗ Wikipedia einen Artikel.

Geschichte der Schule - eine bildungsgeschichtliche Ausstellung

1919 trafen sich führende Zionisten in Berlin, um den „Jüdischen Schulverein“ zu gründen. Der Zweck dieses Vereins sollte die Errichtung und die Erhaltung von jüdischen Schulen, sowie die Förderung der Kenntnisse der hebräischen Sprache und Literatur sein. Im Oktober 1920 wurde deshalb in Charlottenburg die „Private Volksschule des Jüdischen Schulvereins“ – die spätere Theodor-Herzl-Schule – eingerichtet. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde diese Schule zu einem festen Bestandteil des Berliner Schulwesens. Mit hervorragend ausgebildeten Lehrkräften wurden die Erkenntnisse der damaligen modernen Pädagogik angewendet.Die Schule sah ihre Aufgabe nicht nur in der bloßen Wissensvermittlung, sondern in der Erziehung des ganzen Menschen, wobei die jüdisch-zionistische Prägung im Mittelpunkt stand. 1932 besuchten 200 Kinder die Schule.

Die politischen Ereignisse des Jahres 1933 brachten radikale Veränderungen im deutschen Schulwesen. Sie stellten auch die Schulverwaltung der „Reichsvertretung der deutschen Juden“ vor erhebliche Schwierigkeiten. Nirgendwo wirkte sich nämlich der ausbrechende Antisemitismus so unmittelbar und verheerend aus wie an den Schulen. Obwohl es bis 1938 keine staatliche Verordnung gab, die jüdischen Kindern den Besuch öffentlicher Schulen verbot, drängten sie auf Grund der immer unerträglicher werdenden Atmosphäre in ihren bisherigen Schulen auf die wenigen jüdischen. Das betraf auch die Theodor-Herzl-Schule. Der Andrang der jüdischen Kinder erhöhte die Schülerzahl auf 600, so dass die Räumlichkeiten in der Klopstockstraße nicht mehr ausreichten. Man mietete ein Gebäude am Kaiserdamm 78, das bis zur Schließung der Schule ihr Domizil bleiben sollte.

Unter der Leitung von Paula Fürst, einer akademisch gebildeten Volksschullehrerin, die an der ersten in Berlin eingerichteten öffentlichen Montessori-Versuchsschule gearbeitet hatte, entwickelte sich die Theodor-Herzl-Schule zu der führenden jüdischen Volksschule im Berliner Westen. Da die nationalsozialistischen Schulbehörden nicht in die Belange des jüdischen Schulwesens eingriffen, konnte die Didaktik der Reformpädagogik – die an den öffentlichen Schulen sofort verboten wurde – weiter angewendet werden. Auch in allen anderen Bereichen unterschied sich diese Schule von einer nationalsozialistischen: es gab Eltern- und Schülervertretungen, es wurde eine enge Verbindung zwischen den Familien, den Lehrkräften und den Schülern praktiziert. Im Deutschunterricht z. B. wurden die bedeutenden jüdischen Dichter und Literaten wie Heine, Zweig, Feuchtwanger behandelt, deren Werke in Deutschland verboten waren. Im Sprachunterricht stand dem Charakter der Schule entsprechend Hebräisch an erster Stelle, es wurde aber auch Englisch und Französisch gelehrt. Zum Unterricht gehörten auch Einstudierungen von Theateraufführungen, Ausstellungen wurden erstellt, viele Ausflüge und Landschulaufenthalte organisiert.

Zusammengefasst: inmitten eines Systems, in dem zu Hass und Intoleranz erzogen wurde, war die Theodor-Herzl-Schule ein Ort, wo bei Wahrung der Eigenheiten und Besonderheiten der jüdischen Identität das humanistische Gedankengut der Aufklärung weitergegeben wurde. So konnte wenigstens einer Minderheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland eine Erziehung zuteil werden, die sie zu toleranten, selbstständigen, verantwortungsbewussten, demokratischen Persönlichkeiten formte. In den vergangenen Jahren wurden Kontakte zu vielen ehemaligen Schülern und Schülerinnen der Theodor-Herzl-Schule geknüpft, vorrangig, um Material für eine Biographie der Schulleiterin Paula Fürst zu erhalten. Daneben hat der Autor sich aber von den Ehemaligen Erinnerungsstücke wie Schulhefte, Schulbücher, Schülerzeitungen, Zeugnisse, Aufsätze, Bastelarbeiten, Zeichnungen und viele Bilder erbeten, die die Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in einer Ausstellung zeigen wird. Sie wird einen Einblick in die Geschichte dieser einmaligen Schule geben, einer Geschichte, die nicht nur jüdische Schulgeschichte, sondern auch ein Teil der deutschen Schulgeschichte ist. Die Ausstellung versucht dazu beizutragen, uns dies bewusst zu machen.

(Text: Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin • www.bbf.dipf.de • zur Ausstellung im Oktober 2006)

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